In den letzten Jahren waren globale Lieferketten infolge geopolitischer Konflikte und der Auswirkungen der Pandemie zunehmenden Störungen ausgesetzt. Diese Herausforderungen haben die Anfälligkeit bestehender Logistikrouten offengelegt und die wachsende Bedeutung zuverlässiger alternativer Korridore hervorgehoben.
Bei der Diskussion über die Korridore ist es wichtig, eine ganzheitliche Perspektive einzunehmen. Anstatt eine Route einer anderen vorzuziehen, sollte der Korridor als ergänzende Option betrachtet werden, die alternative Wege für einen effizienten Betrieb der Lieferkette bieten kann. Seine Rolle besteht nicht darin, zu konkurrieren, sondern Flexibilität und Resilienz innerhalb globaler Logistiknetzwerke zu bieten.
Der Logistiksektor umfasst ein komplexes Netzwerk aus Transport, Lagerhaltung, Bestandsmanagement und Informationssystemen, die gemeinsam sicherstellen, dass Waren entlang globaler Lieferketten effizient bewegt werden.
Aufbauend auf diesem Rahmen bietet eine vergleichende Analyse anhand des Logistikleistungsindex (Logistics Performance Index, LPI) der Weltbank einen wertvollen Maßstab, um besser zu verstehen, wie sich verschiedene Länder und Korridore in Bezug auf Produktivität, Zuverlässigkeit und allgemeine Logistikfähigkeit positionieren. Seit seiner Einführung im Jahr 2007 wurden insgesamt sieben LPI-Berichte veröffentlicht (2007, 2010, 2012, 2014, 2016, 2018 und 2023).
Der LPI bewertet Länder anhand von sechs zentralen Kriterien: Zollabwicklung, Infrastrukturqualität, internationale Sendungen, Logistikkompetenz, Sendungsverfolgung und Pünktlichkeit. Diese Komponenten bieten zusammen einen strukturierten Rahmen, um sowohl nationale Logistikökosysteme als auch die darauf aufbauenden Korridore zu bewerten.
Deutlich wird, dass jede Route die jeweiligen Stärken und Schwächen der durchquerten Länder widerspiegelt. Nach China (3,7) nimmt die Türkei mit einem Wert von 3,4 eine führende Position im Mittleren Korridor ein. Dies unterstreicht die sich entwickelnde Infrastruktur, die regionale Vernetzung sowie die Bedeutung der Logistikdienstleistungen für andere Volkswirtschaften der Region.
Darüber hinaus weist die Türkei, die den Endabschnitt des Mittleren Korridors bildet, laut den LPI-Werten von 2023 eine höhere Logistikleistung auf als Russland, das als Zielland des Nördlichen Korridors fungiert. Dieser Unterschied ist bemerkenswert und verdeutlicht, dass die Endabschnitte beider Korridore unterschiedliche Effizienzniveaus aufweisen. Aus Routensicht profitiert der Nordkorridor von der geografischen Ausdehnung Russlands, den bestehenden Schienennetzen und den etablierten eurasischen Frachtrouten. Allerdings besteht bei der Servicequalität noch Verbesserungsbedarf. Dennoch unterstreicht die höhere Punktzahl der Türkei ihre im Vergleich zu Russland relativ stärkere Infrastruktur, effizientere Zollabwicklung und größeren Logistikkapazitäten. Dies deutet darauf hin, dass der Endpunkt des Mittleren Korridors ein reibungsloseres und zuverlässigeres Logistikumfeld für transkontinentale Transporte bieten könnte. Mit ihrem umfangreichen Netz an Seehäfen und Eisenbahnknotenpunkten fungiert die Türkei sowohl als Endmarkt als auch als Transitdrehscheibe für den regionalen Handel.
Die Türkei hat sich durch die Intensivierung der Zusammenarbeit mit Chinas „Belt and Road Initiative“ (die Neue Seidenstraße-Initiative) strategisch als zentraler Akteur in der eurasischen Logistik positioniert. Im Jahr 2015 wurde eine Absichtserklärung unterzeichnet, um die „Central Corridor Initiative“ (die Mittlerer Korridor-Initiative) der Türkei und die „Belt and Road Initiative“ der VR China aufeinander abzustimmen. Ein wichtiger Wendepunkt für die regionale Anbindung in den letzten 25 Jahren war die Fertigstellung der Eisenbahnstrecke Baku–Tiflis–Kars (BTK) im Jahr 2017, die weit mehr als ein reines Infrastrukturprojekt darstellte. Sie markierte die Wiederherstellung einer seit den Spannungen zwischen Armenien und Aserbaidschan Anfang der 1990er Jahre unterbrochenen Eisenbahnverbindung zwischen der Türkei und dem Kaukasus. Zusammen mit der Transkasachstan-Eisenbahn spielte die BTK-Eisenbahnstrecke im Jahr 2017 eine entscheidende Rolle für die operative Funktionsfähigkeit des Mittleren Korridors. Aus der Perspektive des Korridors ist ihre kombinierte Gestaltung im Hinblick auf die Verbindung von Abschnitten eines umfassenderen transkontinentalen Systems besonders bemerkenswert.
Aus infrastruktureller Sicht beeinträchtigen Lücken in der Schienenanbindung, bei der Hafenkapazität und der intermodalen Integration weiterhin die Gesamtleistung des Mittleren Korridors. Darüber hinaus verbinden bedeutende Infrastrukturinvestitionen wie Marmaray, der Flughafen Istanbul, der Eurasia-Tunnel und die Yavuz-Sultan-Selim-Brücke einschließlich ihres Schienenbereichs Asien und Europa. Diese Entwicklungen zeigen, dass der Korridor seine Attraktivität schrittweise steigert, insbesondere hinsichtlich der Flexibilität und Diversifizierung der Routen.
Folglich hat die Türkei wichtige Schritte unternommen, um den Mittleren Korridor durch strategische Initiativen zur Weiterentwicklung und Stärkung voranzubringen. Es gibt jedoch noch Spielraum, um das Potenzial des Korridors voll auszuschöpfen. Es ist unerlässlich, strukturelle Ansätze mit einer effektiven Koordination zwischen unseren regionalen Partnern zu verbinden. Ein solcher Ansatz wird nicht nur die Korridore stärken, sondern auch zu diversifizierten globalen Handelsnetzwerken beitragen.
Zum Abschluss dieses Artikels am Sonntagabend, dem 5. April, wünsche ich den Vorstandsmitgliedern der İDHD sowie allen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten einen schönen Tag der Anwälte.
Quellen:
About | Logistics Performance Index (LPI)
52062-001: Supporting Logistics Sector Development | Asian Development Bank







